Die Sozialpsychologie untersucht den sozialen Einfluss anderer Menschen — die Wirkung anderer auf das eigene Erleben, Fühlen, Denken und Verhalten.
Andere müssen nicht direkt anwesend sein (z. B. „Was würden meine Eltern davon halten?“). Dem sozialen Einfluss kann man sich kaum entziehen.
Abgrenzung zur Persönlichkeitspsychologie (Kap. 8): Die Sozialpsychologie betont situative Faktoren als sehr wichtig für das Verhalten.
Typisches Experiment-Prinzip: Eine situative Variable wird manipuliert und die Verhaltensänderung beobachtet.
Soziale Kognition = mentale Prozesse (Wahrnehmen, Denken, Erinnern) im Kontext sozialer Situationen.
Drei Stufen (Werth, Denzler & Mayer, 2020): 1. Wahrnehmung (unbewusste Filterung von Reizen) → 2. Kategorisierung/Enkodierung (Interpretation, Bedeutungszuschreibung) → 3. Urteilsgenerierung/Erinnerung (Schlussfolgerungen, Entscheidungen). Alle Stufen werden vom Vorwissen beeinflusst.
Schema = übergeordnete Wissensstruktur; vereinfachte Gedächtnisrepräsentation, die Wahrnehmung, Interpretation, Erinnerung & Verhalten lenkt.
| Baustein | Definition |
|---|---|
| Kategorie | Zuordnung zu einem Oberbegriff auf Basis wahrgenommener Gemeinsamkeiten |
| Prototyp | typischster Vertreter einer Kategorie (statistischer „Mittelwert“) |
| Stereotyp | sozial geteilte Überzeugung über Merkmale einer Kategorie (Individualität ignoriert) |
| Skript | Vorstellung über typische Handlungsabläufe (z. B. Konzertbesuch) |
Häufige gemeinsame Aktivierung verknüpft ähnliche Kategorien stärker → assoziative Netzwerke.
Priming = unbewusste Aktivierung von Gedächtnisinhalten durch einen vorhergehenden Hinweisreiz (Prime), der die Verarbeitung eines Zielreizes (Target) beeinflusst. Prime und Target müssen assoziativ verknüpft sein.
Automatisches Denken: unbewusst, unbeabsichtigt, ressourcenschonend, schnell. Kontrolliertes Denken: bewusst, beabsichtigt, willentlich, aufwändig („mühsamer“). Bei wenig Motivation/Ressourcen überwiegt das automatische Denken (Zwei-Prozess-Modelle).
| Modell | Autoren | Fokus |
|---|---|---|
| ELM (Elaboration-Likelihood-Model) | Petty & Cacioppo (1986) | Einstellungsänderung: zentrale Route (systematisch, hohe Motivation/Kapazität) vs. periphere Route (heuristisch, oberflächliche Hinweise) |
| RIM (Reflektiv-Impulsiv-Modell) | Strack & Deutsch (2004) | Verhalten: reflektives (bewusst, sequenziell) vs. impulsives System (assoziativ, schnell, parallel) |
Hofmann, Rauch & Gawronski (2007): Bei reduzierten kognitiven Ressourcen (Emotionsunterdrückung) ist das impulsive System handlungsleitend — je positiver die Einstellung zu Schokolinsen, desto mehr wurde gegessen.
Soziale Erleichterung = bessere Leistung in Anwesenheit anderer — tritt bei einfachen Aufgaben auf.
Norman Triplett (1898): erste experimentelle Beobachtung — Jugendliche wickelten unter Beobachtung eine Angelspule schneller auf.
| Erklärung | Autor | Kern |
|---|---|---|
| Erregungs-Theorie | Zajonc (1965) | Anstieg physiologischer Erregung durch Beobachtung |
| Distraction-Conflict-Theory | Baron (1986) | Aufmerksamkeitskonflikt → Fokus auf zentrale Aufgabenaspekte |
Muller et al. (2004): Beobachtete Personen erlagen der visuellen Täuschung (Illusory Conjunction Task) seltener → erhöhte selektive Aufmerksamkeit auf zentrale Reize.
Soziale Hemmung = schlechtere Leistung in Anwesenheit anderer bei schwierigen/ungeübten Aufgaben. Zanbaka et al. (2007): Studierende lösten schwierige Matheaufgaben unter Beobachtung schlechter als allein.
Chamäleon-Effekt (Chartrand & Bargh, 1999): unbewusstes Nachahmen nonverbaler Verhaltensweisen anderer (Gesten, Mimik).
Asch-Experiment (Asch, 1956): Linien-Längen-Vergleich; eingeweihte Mehrheit gibt einstimmig falsche Antwort. Versuchsperson schloss sich in ~⅓ der Fälle der falschen Mehrheit an (allein: Fehlerquote < 1 %).
Konformität = Anpassung des Denkens/Handelns an die Mehrheit, ggf. gegen besseres Wissen. Zwei Ursachen:
| Typ | Motto | Mechanismus |
|---|---|---|
| Normativer sozialer Einfluss | „Das tut man (nicht)“ | soziale Ablehnung vermeiden / Anerkennung gewinnen; nach außen geteilt, innere Meinung kann abweichen |
| Informationaler sozialer Einfluss | „Was die anderen tun, muss richtig sein“ | andere als Informationsquelle in mehrdeutigen/neuen Situationen; verstärkt durch Krisen, Expertise, Wichtigkeit |
Minderheiteneinfluss: entscheidend ist Konsistenz. Moscovici, Lage & Naffrechoux (1969) (blaue Bilder als „grün“): konsistente Minderheit beeinflusste ~8 %, inkonsistente nur ~1 %. Nemeth & Kwan (1987): Minderheiten fördern divergentes Denken (mehrere Lösungsstrategien). Merksatz: Mehrheit → direkt, kurzfristig, konform; Minderheit → indirekt, langfristig, innere Überzeugung.
Gehorsam = Unterordnung unter eine Autorität. Anders als bei Konformität geht der Einfluss von einer Person mit Macht/Autorität aus.
Milgram-Experiment (Milgram, 1963): drei Rollen — Versuchsleiter (Autorität), Schüler (eingeweihter Helfer) und Lehrer (echte Versuchsperson). Der Lehrer sollte bei Fehlern Stromschläge von 15 bis 450 Volt verabreichen (in Wahrheit keine).
Gehorsam steigernde Faktoren: große Distanz zum Schüler, anwesende Autorität, prestigeträchtige Räume (Yale), gradueller Anstieg der Schläge. → Verantwortung wird an die Autorität abgegeben („ausführendes Werkzeug“, Blass 1999).
Erklärungsbeitrag für die Beteiligung unauffälliger Bürger:innen am Holocaust. Reduktion des Gehorsams durch Bewusstmachen der Eigenverantwortung (Kilham & Mann, 1974).
Bewusste Beeinflussungs-Strategien („Judo-Strategien“, Werth & Mayer, 2020):
| Prinzip | Kern | Studie |
|---|---|---|
| Soziale Bewährtheit | „Was alle tun, muss gut sein“ | Friedman & Fireworker (1977): Wein besser bewertet bei positiver Mehrheitsmeinung |
| Knappheit | „Was rar ist, muss viel wert sein“; löst Reaktanz aus (Brehm, 1966) | Zellinger et al. (1975): altersbeschränktes Buch attraktiver |
| Kontrastprinzip | Bewertung relativ zum Vergleichsstandard | — |
| Reziprozität → Door-in-the-face | „Wie du mir, so ich dir“; große Bitte (abgelehnt) → kleine akzeptiert | Regan (1971); Cialdini et al. (1975): 17 % → 50 % |
| Commitment → Foot-in-the-door | kleine Bitte zuerst → große akzeptiert (Streben nach Konsistenz) | Freedman & Fraser (1966): 22 % → 53 % |
Soziale Norm = geteilte Regeln/Erwartungen einer Gruppe. Soziale Rolle = rollenspezifische Erwartung an eine Person. Deindividuation = Vernachlässigung der eigenen Identität bei steigender Anonymität (verstärkt durch Uniformen/Masken).
Stanford-Gefängnisexperiment (Haney, Banks & Zimbardo, 1973): 21 Studenten per Münzwurf zu Wärtern oder Häftlingen. Wärter schikanierten zunehmend → emotionale Zusammenbrüche der Häftlinge. Geplant 14 Tage, nach 6 Tagen abgebrochen.
Kritik: Wärter wurden indirekt zu Grausamkeit instruiert; ~⅓ verhielt sich sadistisch, ⅔ human (Griggs & Whitehead, 2014).
Ingroup = eigene Gruppe (Identifikation) · Outgroup = Fremdgruppe (kein Zugehörigkeitsgefühl).
Ferienlagerexperiment (Sherif & Sherif, 1961; „Robbers Cave“), 22 Buben, 3 Phasen:
Minimalgruppenparadigma (Tajfel, 1970/1971): Buben per trivialem Kriterium (Münzwurf) anonym in zwei Gruppen, ohne Kontakt, Konkurrenz oder Eigenprofit. Bei Geldverteilung wurde die Ingroup bevorzugt — Schüler maximierten sogar die Differenz zur Outgroup statt den gemeinsamen Gewinn.
Fazit: Diskriminierung der Outgroup entsteht schon durch bloße Kategorisierung — es braucht (anders als bei Sherif vermutet) keine reale Konkurrenz. Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 2004): positive Ingroup-Bewertung steigert die eigene soziale Identität & den Selbstwert.
Drei Komponenten der Voreingenommenheit:
| Begriff | Komponente | Definition |
|---|---|---|
| Stereotyp | kognitiv | Überzeugung über Merkmale einer Gruppe (z. B. Geschlechterrollen) |
| Vorurteil | affektiv (emotional) | positive/negative Empfindungen gegenüber einer Gruppe |
| Diskriminierung | Verhalten | ungerechtfertigt benachteiligendes Handeln |
Selbsterfüllende Prophezeiung (Banks, 1988): Die bloße Existenz eines Stereotyps kann es bewahrheiten — z. B. weniger geförderte Mädchen werden tatsächlich schwächer in Mathe.
Stereotype Threat (Bedrohung durch Stereotype) — Spencer, Steele & Quinn (1999): Hinweis auf Geschlechtsunterschiede vor einem Mathetest → Frauen schnitten schlechter ab; ohne Hinweis kein Unterschied.
Steele & Aronson (1995): Schwarze Personen schnitten am schlechtesten ab, wenn der Test als Messung intellektueller Fähigkeit galt. Johns, Schmader & Martens (2005): Aufklärung über Stereotype Threat verringerte/hob den Effekt auf.
Prosoziales Verhalten = absichtliches, freiwilliges Verhalten zum Wohl anderer. Altruismus = uneigennützige, selbstlose Rücksichtnahme (frei von Eigennutz).
| Theorie | Autor | Kern |
|---|---|---|
| Evolutionspsychologisch | Hamilton (1964) | Verwandtenselektion (kin selection): Hilfe sichert Weitergabe eigener Gene; auch ähnliche Personen werden bevorzugt |
| Empathie-Altruismus-Hypothese | Batson | echter Altruismus durch Empathie, ohne Kosten-Nutzen-Abwägung |
| Soziale-Austausch-Theorie | Homans (1961) | wahrer Altruismus existiert nicht — Hilfe nur, wenn Belohnungen die Kosten überwiegen |
Toi & Batson (1982): Bei hoher Empathie halfen ~80 % der studentischen „Carol“ — unabhängig vom leichten/schweren Ausweg. Bei niedriger Empathie half man nur bei schwerem Ausweg (~76 %), bei leichtem deutlich weniger (~33 %).
Situative Determinanten — Mordfall Kitty Genovese (1964): trotz vieler Zeug:innen griff niemand ein. Bystander-Effekt (Darley & Latané, 1968): je mehr Anwesende, desto unwahrscheinlicher die Hilfe.
Zum Abschluss ein paar Beispielfragen im Stil der Aufnahmeprüfung.
Pro Frage vier Aussagen — entscheide bei jeder, ob sie korrekt ist. Eine Frage gilt nur als gelöst, wenn alle richtigen markiert und alle falschen nicht markiert sind.
Keine Teilpunkte, keine Minuspunkte. Viel Erfolg!
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