Kapitel 7 · Einführung

Was ist Sozialpsychologie?

Die Sozialpsychologie untersucht den sozialen Einfluss anderer Menschen — die Wirkung anderer auf das eigene Erleben, Fühlen, Denken und Verhalten.

Andere müssen nicht direkt anwesend sein (z. B. „Was würden meine Eltern davon halten?“). Dem sozialen Einfluss kann man sich kaum entziehen.

Abgrenzung zur Persönlichkeitspsychologie (Kap. 8): Die Sozialpsychologie betont situative Faktoren als sehr wichtig für das Verhalten.

Typisches Experiment-Prinzip: Eine situative Variable wird manipuliert und die Verhaltensänderung beobachtet.

  • Intragruppenprozesse = Prozesse innerhalb von Gruppen
  • Intergruppenprozesse = Prozesse zwischen Gruppen (lat. inter = zwischen, intra = innerhalb)
7.2 Soziale Kognition

Konstruktion der Realität & Schemata

Soziale Kognition = mentale Prozesse (Wahrnehmen, Denken, Erinnern) im Kontext sozialer Situationen.

Drei Stufen (Werth, Denzler & Mayer, 2020): 1. Wahrnehmung (unbewusste Filterung von Reizen) → 2. Kategorisierung/Enkodierung (Interpretation, Bedeutungszuschreibung) → 3. Urteilsgenerierung/Erinnerung (Schlussfolgerungen, Entscheidungen). Alle Stufen werden vom Vorwissen beeinflusst.

Schema = übergeordnete Wissensstruktur; vereinfachte Gedächtnisrepräsentation, die Wahrnehmung, Interpretation, Erinnerung & Verhalten lenkt.

BausteinDefinition
KategorieZuordnung zu einem Oberbegriff auf Basis wahrgenommener Gemeinsamkeiten
Prototyptypischster Vertreter einer Kategorie (statistischer „Mittelwert“)
Stereotypsozial geteilte Überzeugung über Merkmale einer Kategorie (Individualität ignoriert)
SkriptVorstellung über typische Handlungsabläufe (z. B. Konzertbesuch)

Häufige gemeinsame Aktivierung verknüpft ähnliche Kategorien stärker → assoziative Netzwerke.

7.2 Priming & Zwei-Prozess-Modelle

Priming, kontrolliertes vs. automatisches Denken

Priming = unbewusste Aktivierung von Gedächtnisinhalten durch einen vorhergehenden Hinweisreiz (Prime), der die Verarbeitung eines Zielreizes (Target) beeinflusst. Prime und Target müssen assoziativ verknüpft sein.

  • Positives Priming: Zugang zum Target erleichtert · Negatives Priming: erschwert
  • Semantisches Priming (inhaltlich verknüpft) — Neely (1977), lexikalische Entscheidungsaufgabe: „Vogel“ → schnellere Reaktion auf „Rotkehlchen“
  • Affektives Priming (emotionaler Reiz) — Yi (1990): positiv geprimete Personen bewerteten Autowerbung positiver

Automatisches Denken: unbewusst, unbeabsichtigt, ressourcenschonend, schnell. Kontrolliertes Denken: bewusst, beabsichtigt, willentlich, aufwändig („mühsamer“). Bei wenig Motivation/Ressourcen überwiegt das automatische Denken (Zwei-Prozess-Modelle).

ModellAutorenFokus
ELM (Elaboration-Likelihood-Model)Petty & Cacioppo (1986)Einstellungsänderung: zentrale Route (systematisch, hohe Motivation/Kapazität) vs. periphere Route (heuristisch, oberflächliche Hinweise)
RIM (Reflektiv-Impulsiv-Modell)Strack & Deutsch (2004)Verhalten: reflektives (bewusst, sequenziell) vs. impulsives System (assoziativ, schnell, parallel)

Hofmann, Rauch & Gawronski (2007): Bei reduzierten kognitiven Ressourcen (Emotionsunterdrückung) ist das impulsive System handlungsleitend — je positiver die Einstellung zu Schokolinsen, desto mehr wurde gegessen.

7.3 Sozialer Einfluss

Soziale Erleichterung vs. Soziale Hemmung

Soziale Erleichterung = bessere Leistung in Anwesenheit anderer — tritt bei einfachen Aufgaben auf.

Norman Triplett (1898): erste experimentelle Beobachtung — Jugendliche wickelten unter Beobachtung eine Angelspule schneller auf.

ErklärungAutorKern
Erregungs-TheorieZajonc (1965)Anstieg physiologischer Erregung durch Beobachtung
Distraction-Conflict-TheoryBaron (1986)Aufmerksamkeitskonflikt → Fokus auf zentrale Aufgabenaspekte

Muller et al. (2004): Beobachtete Personen erlagen der visuellen Täuschung (Illusory Conjunction Task) seltener → erhöhte selektive Aufmerksamkeit auf zentrale Reize.

Soziale Hemmung = schlechtere Leistung in Anwesenheit anderer bei schwierigen/ungeübten Aufgaben. Zanbaka et al. (2007): Studierende lösten schwierige Matheaufgaben unter Beobachtung schlechter als allein.

7.3 Mehrheit & Minderheit

Konformität (Asch) & Minderheiteneinfluss

Chamäleon-Effekt (Chartrand & Bargh, 1999): unbewusstes Nachahmen nonverbaler Verhaltensweisen anderer (Gesten, Mimik).

Asch-Experiment (Asch, 1956): Linien-Längen-Vergleich; eingeweihte Mehrheit gibt einstimmig falsche Antwort. Versuchsperson schloss sich in ~⅓ der Fälle der falschen Mehrheit an (allein: Fehlerquote < 1 %).

Konformität = Anpassung des Denkens/Handelns an die Mehrheit, ggf. gegen besseres Wissen. Zwei Ursachen:

TypMottoMechanismus
Normativer sozialer Einfluss„Das tut man (nicht)“soziale Ablehnung vermeiden / Anerkennung gewinnen; nach außen geteilt, innere Meinung kann abweichen
Informationaler sozialer Einfluss„Was die anderen tun, muss richtig sein“andere als Informationsquelle in mehrdeutigen/neuen Situationen; verstärkt durch Krisen, Expertise, Wichtigkeit

Minderheiteneinfluss: entscheidend ist Konsistenz. Moscovici, Lage & Naffrechoux (1969) (blaue Bilder als „grün“): konsistente Minderheit beeinflusste ~8 %, inkonsistente nur ~1 %. Nemeth & Kwan (1987): Minderheiten fördern divergentes Denken (mehrere Lösungsstrategien). Merksatz: Mehrheit → direkt, kurzfristig, konform; Minderheit → indirekt, langfristig, innere Überzeugung.

7.3 Gehorsam (Milgram)

Gehorsam gegenüber Autoritäten

Gehorsam = Unterordnung unter eine Autorität. Anders als bei Konformität geht der Einfluss von einer Person mit Macht/Autorität aus.

Milgram-Experiment (Milgram, 1963): drei Rollen — Versuchsleiter (Autorität), Schüler (eingeweihter Helfer) und Lehrer (echte Versuchsperson). Der Lehrer sollte bei Fehlern Stromschläge von 15 bis 450 Volt verabreichen (in Wahrheit keine).

  • Alle 40 Teilnehmer gingen bis 300 Volt; 26 von 40 bis zur höchsten (tödlichen) Stufe
  • 65 % gingen bis 450 Volt — befragte Psychiater hatten nur ~1 % vorhergesagt
  • Teilnehmer zeigten Stress (Zittern, Schwitzen), gehorchten aber dennoch

Gehorsam steigernde Faktoren: große Distanz zum Schüler, anwesende Autorität, prestigeträchtige Räume (Yale), gradueller Anstieg der Schläge. → Verantwortung wird an die Autorität abgegeben („ausführendes Werkzeug“, Blass 1999).

Erklärungsbeitrag für die Beteiligung unauffälliger Bürger:innen am Holocaust. Reduktion des Gehorsams durch Bewusstmachen der Eigenverantwortung (Kilham & Mann, 1974).

7.3 Compliance & Rollen

Bewusste Einflussnahme & Stanford-Prison

Bewusste Beeinflussungs-Strategien („Judo-Strategien“, Werth & Mayer, 2020):

PrinzipKernStudie
Soziale Bewährtheit„Was alle tun, muss gut sein“Friedman & Fireworker (1977): Wein besser bewertet bei positiver Mehrheitsmeinung
Knappheit„Was rar ist, muss viel wert sein“; löst Reaktanz aus (Brehm, 1966)Zellinger et al. (1975): altersbeschränktes Buch attraktiver
KontrastprinzipBewertung relativ zum Vergleichsstandard
ReziprozitätDoor-in-the-face„Wie du mir, so ich dir“; große Bitte (abgelehnt) → kleine akzeptiertRegan (1971); Cialdini et al. (1975): 17 % → 50 %
CommitmentFoot-in-the-doorkleine Bitte zuerst → große akzeptiert (Streben nach Konsistenz)Freedman & Fraser (1966): 22 % → 53 %

Soziale Norm = geteilte Regeln/Erwartungen einer Gruppe. Soziale Rolle = rollenspezifische Erwartung an eine Person. Deindividuation = Vernachlässigung der eigenen Identität bei steigender Anonymität (verstärkt durch Uniformen/Masken).

Stanford-Gefängnisexperiment (Haney, Banks & Zimbardo, 1973): 21 Studenten per Münzwurf zu Wärtern oder Häftlingen. Wärter schikanierten zunehmend → emotionale Zusammenbrüche der Häftlinge. Geplant 14 Tage, nach 6 Tagen abgebrochen.

Kritik: Wärter wurden indirekt zu Grausamkeit instruiert; ~⅓ verhielt sich sadistisch, ⅔ human (Griggs & Whitehead, 2014).

7.4 Intergruppenprozesse

Sherif (Ferienlager) & Tajfel (Minimalgruppen)

Ingroup = eigene Gruppe (Identifikation) · Outgroup = Fremdgruppe (kein Zugehörigkeitsgefühl).

Ferienlagerexperiment (Sherif & Sherif, 1961; „Robbers Cave“), 22 Buben, 3 Phasen:

  • Phase 1 – Gruppenbildung: zufällige Aufteilung → Gruppenkohäsion, eigene Identitäten („Adler“, „Klapperschlangen“)
  • Phase 2 – Konflikt: Wettbewerbe → Feindseligkeit, Vorurteile, Überfälle, gesteigerte Ingroup-Solidarität
  • Phase 3 – Befriedung: bloßer Kontakt reichte nicht; erst übergeordnete gemeinsame Ziele (z. B. Wasserversorgung reparieren) lösten den Konflikt

Minimalgruppenparadigma (Tajfel, 1970/1971): Buben per trivialem Kriterium (Münzwurf) anonym in zwei Gruppen, ohne Kontakt, Konkurrenz oder Eigenprofit. Bei Geldverteilung wurde die Ingroup bevorzugt — Schüler maximierten sogar die Differenz zur Outgroup statt den gemeinsamen Gewinn.

Fazit: Diskriminierung der Outgroup entsteht schon durch bloße Kategorisierung — es braucht (anders als bei Sherif vermutet) keine reale Konkurrenz. Theorie der sozialen Identität (Tajfel & Turner, 2004): positive Ingroup-Bewertung steigert die eigene soziale Identität & den Selbstwert.

7.4 Stereotype & Vorurteile

Stereotyp, Vorurteil, Diskriminierung

Drei Komponenten der Voreingenommenheit:

BegriffKomponenteDefinition
StereotypkognitivÜberzeugung über Merkmale einer Gruppe (z. B. Geschlechterrollen)
Vorurteilaffektiv (emotional)positive/negative Empfindungen gegenüber einer Gruppe
DiskriminierungVerhaltenungerechtfertigt benachteiligendes Handeln

Selbsterfüllende Prophezeiung (Banks, 1988): Die bloße Existenz eines Stereotyps kann es bewahrheiten — z. B. weniger geförderte Mädchen werden tatsächlich schwächer in Mathe.

Stereotype Threat (Bedrohung durch Stereotype) — Spencer, Steele & Quinn (1999): Hinweis auf Geschlechtsunterschiede vor einem Mathetest → Frauen schnitten schlechter ab; ohne Hinweis kein Unterschied.

Steele & Aronson (1995): Schwarze Personen schnitten am schlechtesten ab, wenn der Test als Messung intellektueller Fähigkeit galt. Johns, Schmader & Martens (2005): Aufklärung über Stereotype Threat verringerte/hob den Effekt auf.

7.5 Prosoziales Verhalten

Helfen: Motive & Bystander-Effekt

Prosoziales Verhalten = absichtliches, freiwilliges Verhalten zum Wohl anderer. Altruismus = uneigennützige, selbstlose Rücksichtnahme (frei von Eigennutz).

TheorieAutorKern
EvolutionspsychologischHamilton (1964)Verwandtenselektion (kin selection): Hilfe sichert Weitergabe eigener Gene; auch ähnliche Personen werden bevorzugt
Empathie-Altruismus-HypotheseBatsonechter Altruismus durch Empathie, ohne Kosten-Nutzen-Abwägung
Soziale-Austausch-TheorieHomans (1961)wahrer Altruismus existiert nicht — Hilfe nur, wenn Belohnungen die Kosten überwiegen

Toi & Batson (1982): Bei hoher Empathie halfen ~80 % der studentischen „Carol“ — unabhängig vom leichten/schweren Ausweg. Bei niedriger Empathie half man nur bei schwerem Ausweg (~76 %), bei leichtem deutlich weniger (~33 %).

Situative Determinanten — Mordfall Kitty Genovese (1964): trotz vieler Zeug:innen griff niemand ein. Bystander-Effekt (Darley & Latané, 1968): je mehr Anwesende, desto unwahrscheinlicher die Hilfe.

  • Verantwortungsdiffusion: die Verantwortung verteilt sich über alle Anwesenden
  • Pluralistische Ignoranz (Latané & Darley, 1970): alle warten ab und deuten die Lage fälschlich als unkritisch
  • Bewertungsangst: Furcht vor negativer Beurteilung durch Anwesende
Übungsfragen

Übungsfragen — im Prüfungsformat

Zum Abschluss ein paar Beispielfragen im Stil der Aufnahmeprüfung.

Pro Frage vier Aussagen — entscheide bei jeder, ob sie korrekt ist. Eine Frage gilt nur als gelöst, wenn alle richtigen markiert und alle falschen nicht markiert sind.

Keine Teilpunkte, keine Minuspunkte. Viel Erfolg!

Übungsfrage 1 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zum Asch-Experiment und zur Konformität sind korrekt?

Übungsfrage 2 / 5 · Prüfungsformat

Welche Zuordnung von Experiment bzw. Effekt und Forscher:in ist korrekt?

Übungsfrage 3 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zu sozialer Erleichterung und sozialer Hemmung sind korrekt?

Übungsfrage 4 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zum Minimalgruppenparadigma (Tajfel) und zu den Ferienlagerexperimenten (Sherif) sind korrekt?

Übungsfrage 5 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zum prosozialen Verhalten und zum Bystander-Effekt sind korrekt?

Kapitel 7

Sozialpsychologie

Interaktive Folien. Mit ▶ / Pfeiltasten (oder Klick) blätterst du Schritt für Schritt durch die Lerneinheit — inklusive Selbsttest im Prüfungsformat.