Kapitel 4 · Einführung

Biologische Psychologie & berühmte Fälle

Die Biologische Psychologie (= Biopsychologie, synonym) erforscht die biologischen/physiologischen Grundlagen psychischer Phänomene — v. a. Prozesse im Nervensystem. Sie ist grundlagenwissenschaftlich und Teil der Neurowissenschaften.

Abgrenzung Neurowissenschaften = übergeordnetes interdisziplinäres Forschungsfeld (Medizin, Biologie, Physik, Chemie). Psychobiologie = psychologische Auswirkungen biologischer Prozesse, aber ein Teilgebiet der Biologie (nicht der Psychologie).

TeilbereichSchwerpunkt / Methode
Physiologische Psychologiedirekte Erklärung über elektr. Stimulation, chirurg. Eingriffe, Tierversuche
NeuropsychologieFolgen von Hirnschädigungen am Menschen; stark anwendungsorientiert
Psychophysiologienicht-invasiv (EEG, Herzrate); Stress, Emotion, biolog. Rhythmen
Kognitive Neurowissenschaftneuronale Grundlagen der Kognition; Bildgebung (MRT)
PsychopharmakologieWirkung/Entwicklung von Medikamenten & Drogen

Phineas Gage (1848) Eisenstange durchbohrt den linken vorderen Frontallappen. Körperlich & kognitiv weitgehend intakt, aber Persönlichkeitsveränderung (impulsiv, rücksichtslos) → Hinweis auf Frontallappen für Handlungsplanung & Impulskontrolle.

Patient „Tan“ (Paul Broca) konnte nur noch „tan“ sagen, verstand aber Sprache → Schädigung in der linken Hemisphäre = Broca-Areal. Folge: Broca-AphasieSprachproduktion gestört, Sprachverständnis erhalten.

4.2 Bausteine

Neuron & Gliazellen

Zwei zentrale Zelltypen im Nervensystem: Neuronen (Nervenzellen, ca. 86 Mrd. im Gehirn) und Gliazellen (etwa gleich viele). Ein typisches Neuron hat drei Teile: Soma, Dendriten, Axon.

TeilFunktion
Soma (Zellkörper)enthält Zellkern (DNA) & Organellen
Dendritenkurz, zahlreich; empfangen Informationen
Axonmeist genau eines; leitet Info weg vom Soma zu den Endknöpfchen

Merke Dendrit = Empfang, Axon = Senden. Das Axonende heißt Axonterminale / Synapsenendknöpfchen.

Drei Neuronen-Arten (Ebene Rückenmark): Sensorische Neuronen (nehmen Reize auf), Interneuronen (verbinden Neuronen, integrieren), Motoneuronen (lösen Muskelkontraktion/-entspannung aus).

Gliazellen: Stütze, Stoffwechsel/Abfall, Aufnahme überschüssiger Neurotransmitter, Blut-Hirn-Schranke (Astrozyten). Sie bilden das Myelin (Markscheide): Schutz + höhere Leitgeschwindigkeit. Oligodendrozyten myelinisieren im ZNS, Schwann-Zellen im PNS. Lücken = Ranvier-Schnürringe.

4.2 Aktionspotenzial

Ruhe- und Aktionspotenzial

Ruhepotenzial ca. −70 mV — das Zellinnere ist negativ geladen (polarisiert). Ursache: ungleiche Ionenverteilung — Natrium (Na⁺) & Chlorid (Cl⁻) außen hoch, Kalium (K⁺) innen hoch. Die Natrium-Kalium-Pumpe erhält das Potenzial (3 Na⁺ raus / 2 K⁺ rein).

Eingehende Signale: Exzitatorisch → Depolarisation (weniger negativ, fördert Feuern). Inhibitorisch → Hyperpolarisation (noch negativer, hemmt Feuern). Überschreitet die Summe den Schwellenwert ≈ −55 mV, entsteht ein Aktionspotenzial.

PhaseWas passiertKanäle
Depolarisation−70 mV → bis ca. +50 mV (Overshoot), Zellinneres wird positivNa⁺-Kanäle öffnen, Na⁺ strömt ein
RepolarisationRückkehr ins NegativeK⁺-Kanäle öffnen, K⁺ strömt aus
Hyperpolarisationkurz unter Ruhepotenzial (Nachpotenzial)K⁺-Kanäle noch offen

Alles-oder-Nichts-Gesetz Schwelle nicht erreicht → kein AP. Erreicht → AP immer gleich stark (unabhängig von der Reizintensität).

Refraktärphase: kurz danach nicht erneut erregbar → das AP läuft nur in eine Richtung entlang des Axons. In myelinisierten Axonen springt die Erregung von Schnürring zu Schnürring = saltatorische Erregungsleitung (schneller). Myelinabbau → Multiple Sklerose.

4.2 Synapse & Transmitter

Synaptische Übertragung & Neurotransmitter

Übertragung zwischen Neuronen an der Synapse. Zwei Arten: elektrische Synapsen (gap junctions; sehr schnell, beidseitig) und — im menschlichen Gehirn überwiegend — chemische Synapsen (über Botenstoffe, einseitig).

Ablauf chemische Synapse AP erreicht Axonterminale → Calciumkanäle öffnen, Ca²⁺ strömt ein → synaptische Vesikel verschmelzen mit der präsynaptischen MembranExocytose der Neurotransmitter in den synaptischen Spalt → Bindung an Rezeptoren der postsynaptischen Membran nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip.

Postsynaptisch: Na⁺-Kanäle auf → Depolarisation = exzitatorisches Potenzial; K⁺/Cl⁻-Kanäle auf → Hyperpolarisation = inhibitorisches Potenzial. Beendigung: Wiederaufnahme (reuptake), enzymatischer Abbau oder Aufnahme durch Astrozyten.

NeurotransmitterFunktion / Besonderheit
Glutamatwichtigster exzitatorischer Transmitter; Lernen, Gedächtnis
GABAwichtigster inhibitorischer Transmitter; Benzodiazepine wirken hier
DopaminMotivation/Belohnung; Mangel → Morbus Parkinson
SerotoninEmotionsregulation; SSRI bei Depression
AcetylcholinNerv-Muskel-Übergang (Motorik); Lernen, Schlaf
NoradrenalinVorstufe von Adrenalin; aktivierend, Wachheit
4.3 Gliederung & Rückenmark

ZNS, PNS & Rückenmark

Zentrales NS (ZNS)Peripheres NS (PNS)
Gehirn + Rückenmarkalles außerhalb von Schädel & Wirbelsäule
Integration & Koordination aller Funktionenteilt sich in somatisches & autonomes NS

Anatomische Begriffe dorsal = oben/Richtung Rücken, ventral = unten/Bauch; anterior = vorne, posterior = hinten; medial = zur Mittellinie, lateral = seitlich; ipsilateral = gleiche Seite, kontralateral = gegenüberliegende Seite.

Rückenmark: Strang aus Neuronen, verbindet Gehirn & PNS, ca. 40–45 cm, in der Wirbelsäule. Austretende Nerven = Spinalnerven; jedem ist ein Hautgebiet (Dermatom) zugeordnet.

Graue SubstanzWeiße Substanz
H-förmiger Kern; Zellkörperumgebend; Axone
Hinterhörner: sensorisch (dorsal)Vorderhörner: motorisch (ventral)

Reflex verkürzte Weiterleitung — Signal wird schon im Rückenmark verarbeitet (ohne Gehirn). Beispiel: Patellarsehnenreflex.

4.3 Gehirnregionen

Das Gehirn: Regionen & Lappen

Geschützt durch Schädel & drei Hirnhäute (Meningen); schwimmt in Cerebrospinalflüssigkeit. Aus 3 primären Hirnbläschen: Prosencephalon (Vorderhirn), Mesencephalon (Mittelhirn), Rhombencephalon (Rautenhirn).

RegionFunktion
Medulla oblongata (Nachhirn)Atmung, Blutdruck, Herzschlag (lebenswichtig); Faserkreuzung
Cerebellum (Kleinhirn) + PonsMotorik, Koordination glatter Bewegungsabläufe
Mesencephalon (Mittelhirn)Hirnstamm; Tectum (visuell/auditiv), Tegmentum (Substantia nigra)
Thalamus (Zwischenhirn)„Tor zum Bewusstsein“ — Sinnesinfos (außer Geruch) laufen zusammen
HypothalamusEssen/Schlaf/Sexualität; Steuerzentrum des autonomen NS, Hormone

Großhirn (Telencephalon): zwei Hemisphären, verbunden durch den Corpus callosum (Balken). Äußere Schicht = cerebraler Cortex (graue Substanz, stark gefurcht).

LappenFunktion
FrontallappenPlanung, Sprache, Impulskontrolle; präfrontaler Cortex = „Sitz der Persönlichkeit“ (Gage!)
ParietallappenTastsinn (sensumotorisch), Aufmerksamkeit, räumliche Orientierung
TemporallappenHören; Hippocampus (Gedächtnis), Amygdala (Emotion)
OkzipitallappenSehen — primärer visueller Cortex (V1)

Split-Brain Bei durchtrenntem Corpus callosum können Reize der linken Gesichtsfeldhälfte (rechte Hemisphäre) nicht benannt werden, da die linke Hemisphäre sprachdominant ist (Lateralisation).

4.3 Peripheres NS

Somatisches & autonomes Nervensystem

Das periphere Nervensystem (PNS) teilt sich in zwei Bereiche: das somatische und das autonome (vegetative) Nervensystem.

Somatisches NS überträgt sensorische Informationen (Haut, Muskeln, Gelenke) zum ZNS und steuert willkürliche Bewegungen der Skelettmuskulatur.

Autonomes NS steuert innere Organe & Drüsen, läuft automatisch/unbewusst ab. Es gliedert sich in Sympathikus und Parasympathikus.

SympathikusParasympathikus
ModusAktivierung („Kampf/Flucht“)Beruhigung (Normalbetrieb)
Herzschlagschneller, Puls steigtlangsamer
Adrenalin / BlutAusschüttung; Blut zu den Muskelnkehrt zu inneren Organen zurück
Verdauunggehemmt (runtergeregelt)angeregt

Merke Sympathikus aktiviert, Parasympathikus beruhigt — nicht verwechseln!

4.4 Visuelles System

Auge, Retina & Sehbahn

Lichtweg ins Auge: Cornea (Hornhaut, lichtdurchlässig) → Pupille (Öffnung der Iris, reguliert Lichtmenge) → Linse (bikonvex; Akkommodation durch den Ziliarmuskel für Nahsehen) → GlaskörperRetina (Netzhaut).

Blinder Fleck Austrittsstelle des Sehnervs — dort keine Photorezeptoren, kein Sehen.

PhotorezeptorEigenschaften
Stäbchensehr lichtempfindlich; Dämmerung; ca. 20× häufiger als Zapfen
Zapfenbei guter Beleuchtung; Farb- & Schärfesehen; 3 Typen (Blau/Grün/Rot)

Transduktion = Umwandlung von Licht in neuronale Signale in den Photorezeptoren. Fovea = Ort des schärfsten Sehens (nur Zapfen). Fehlende Zapfentypen → Farbfehlsichtigkeit (häufig Rot-Grün-Schwäche). Signalweg in der Retina: Photorezeptoren → Bipolarzellen → Ganglienzellen; deren Axone bilden den Sehnerv.

Sehbahn (kontralateral) Beide Sehnerven kreuzen sich teilweise im Chiasma opticum → die linke Gesichtsfeldhälfte wird in der rechten Hemisphäre verarbeitet (und umgekehrt). Weiter zum CGL (Corpus geniculatum laterale, im Thalamus) → primärer visueller Cortex (V1) im Okzipitallappen. CGL & V1 sind retinotop organisiert.

Übungsfragen

Übungsfragen — im Prüfungsformat

Zum Abschluss ein paar Beispielfragen im Stil der Aufnahmeprüfung.

Pro Frage vier Aussagen — entscheide bei jeder, ob sie korrekt ist. Eine Frage gilt nur als gelöst, wenn alle richtigen markiert und alle falschen nicht markiert sind.

Keine Teilpunkte, keine Minuspunkte. Viel Erfolg!

Übungsfrage 1 / 5 · Prüfungsformat

Welche der folgenden Aussagen zum Aufbau und zur Erregungsweiterleitung eines Neurons ist korrekt?

Übungsfrage 2 / 5 · Prüfungsformat

Welche Zuordnungen zu den Phasen des Aktionspotenzials sind korrekt?

Übungsfrage 3 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zur synaptischen Übertragung und zu Neurotransmittern sind korrekt?

Übungsfrage 4 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zum Aufbau des Nervensystems sind korrekt?

Übungsfrage 5 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zum visuellen System und zu Gehirnregionen sind korrekt?

Kapitel 4

Biologische Psychologie

Interaktive Folien. Mit ▶ / Pfeiltasten (oder Klick) blätterst du Schritt für Schritt durch die Lerneinheit — inklusive Selbsttest im Prüfungsformat.