Kapitel 6 · Einführung

Entwicklungspsychologie

Die Entwicklungspsychologie untersucht alle Veränderungsprozesse über die gesamte Lebensspanne — von der Empfängnis bis ins hohe Alter, nicht nur Kindheit & Jugend.

Schwerpunkt auf Kindheit & Jugend, weil dort relativ zur Zeit die meiste Veränderung passiert. Ebenen: körperlich, kognitiv, sprachlich, sozial.

Zentrale Grundsatzfragen: Anlage ↔ Umwelt (Gene vs. Erfahrung) und Stufen ↔ Kontinuität (sprunghaft vs. fließend).

PhaseAlter
PränatalEmpfängnis bis Geburt
SäuglingsalterGeburt bis Ende 1. Lebensjahr
Kleinkindalter (frühe Kindheit)ca. 1–3 Jahre
Mittlere & späte Kindheitca. 3–11 Jahre
Pubertät (Adoleszenz)ca. 11–20 Jahre
Frühes Erwachsenenalterca. 20–40 Jahre
Mittleres Erwachsenenalterca. 40–65 Jahre
Hohes Erwachsenenalter65 Jahre und älter
6.2 Biologische Entwicklung

Pränatale Entwicklung

Befruchtung: Eizelle + Spermium verschmelzen → Zygote mit dem vollständigen Genmaterial: 46 Chromosomen (23 von der Mutter, 23 vom Vater).

StadiumZeitspanneKennzeichen
GerminalBefruchtung – 2. SSWZygote wandert durch Eileiter, nistet sich in Gebärmutter ein; schnelle Zellteilung
Embryonal3. – 8. SSWZellen spezialisieren sich, Organbildung; erster Herzschlag messbar (120–160/min)
Fötal9. SSW – GeburtWachstum & Ausreifung; Schlaf-Wach-Rhythmus; Gehirnreifung

Synaptic Pruning: nach Überproduktion von Nervenzellen werden ungenutzte Verbindungen wieder abgebaut (parallel zum Wachstum).

Teratogene = schädliche Umwelteinflüsse (biologisch/physikalisch/chemisch), z. B. Alkohol → Fetales Alkoholsyndrom (FAS), Medikamente (Contergan/Thalidomid), Strahlung. Besonders riskant in sensiblen Phasen (starkes Wachstum).

6.2 Kindheit & Adoleszenz

Frühe Kindheit & Pubertät

Frühkindliche Reflexe (Such- & Saugreflex → Nahrungsaufnahme) verschwinden in den ersten Lebensmonaten. Der Kniesehnenreflex dagegen bleibt ein Leben lang.

Säuglinge bevorzugen früh die Mutter (Stimme, Gesicht, Geruch). Visuelle Klippe (Gibson & Walk, 1960): Kinder, die schon krabbeln, meiden die „tiefe“ Seite → frühe Tiefenwahrnehmung.

Pubertät/Adoleszenz = Übergang Kindheit → Erwachsensein, mit sexueller Reifung. Hormone: bei Buben Testosteron, bei Mädchen Östrogen & Progesteron.

  • Menarche = erste Menstruation (Ø ca. 12 J.); Spermache = Beginn der Spermienproduktion
  • Primäre Geschlechtsmerkmale = innere/äußere Geschlechtsorgane (genetisch, fortpflanzungsnotwendig)
  • Sekundäre Geschlechtsmerkmale = sichtbare Reifezeichen (Brustentwicklung, Bartwuchs, Stimmbruch)
6.3 Kognitive Entwicklung · Piaget

Piagets vier Stadien

Jean Piaget (1896–1980): konstruktivistisch — Kinder als „kleine Wissenschaftler“, die durch Schemata Wissen aktiv konstruieren; betont die Wechselwirkung Anlage ↔ Umwelt.

  • Assimilation: neue Info in vorhandenes Schema einordnen (Katze wird als „Hund“ kategorisiert)
  • Akkommodation: vorhandenes Schema an neue Info anpassen (Schema „Hund“ wird um „Katze“ erweitert)
StadiumAlterErrungenschaft / Marker
SensomotorischGeburt – 2 J.Objektpermanenz; Welt über Sinne & Motorik
Präoperatorisch2 – 7 J.Spracherwerb; Egozentrismus, Animismus, Realismus
Konkret-operatorisch7 – 11 J.Konservierung/Invarianz (Erhaltung), Reversibilität, logisches Denken
Formal-operatorischab 11 J. – Erwachsenseinabstrakte Logik, hypothetisches Schlussfolgern

Kritik heute: Erwerbsalter oft zu hoch eingeschätzt — Objektpermanenz bereits ab ~3,5 Monaten (Baillargeon) statt erst mit 8 Monaten; nicht alle Veränderungen verlaufen in klar trennbaren Stufen.

6.3 Theory of Mind

Theory of Mind & die False-Belief-Aufgabe

Theory of Mind = Fähigkeit, sich selbst und anderen mentale Zustände (Wünsche, Überzeugungen) zuzuschreiben und zu erkennen, dass diese sich von den eigenen unterscheiden können. Entwickelt sich ab ca. 4 Jahren.

Test: die False-Belief-Aufgabe (Maxi-Aufgabe) der österreichischen Psychologen Heinz Wimmer & Josef Perner.

Maxi legt Schokolade in den grünen Schrank und geht weg; die Mutter räumt sie in den blauen Schrank um. Frage: Wo sucht Maxi?

  • Kind mit Theory of Mind → nennt den grünen Schrank (versteht Maxis falsche Überzeugung)
  • Kind ohne Theory of Mind → nennt den blauen Schrank (orientiert sich am eigenen Wissen)
  • Fast alle Kinder ab 6 J. lösen die Aufgabe; die meisten 3–4-Jährigen nicht
6.3 Moralentwicklung · Kohlberg

Kohlbergs Stufen der Moral

Lawrence Kohlberg (1927–1987): Moralentwicklung über das Heinz-Dilemma erforscht. Entscheidend ist nicht die Entscheidung, sondern die Begründung. 3 Niveaus mit je 2 Stufen (= 6 Stufen); Reihenfolge für alle gleich.

NiveauStufe — Orientierung
Präkonventionell
(Konventionen noch nicht verstanden)
1: heteronome Moral — Gehorsam & Strafvermeidung
2: Individualismus & Austausch — Eigennutz, „Wie du mir, so ich dir“
Konventionell
(Perspektive eines Gesellschaftsmitglieds)
3: zwischenmenschl. Erwartungen — Anerkennung, „brav sein“
4: soziales System & Gewissen — Recht & Ordnung, keine strafende Instanz nötig
Postkonventionell
(universelle Prinzipien über Normen)
5: sozialer Kontrakt & individuelle Rechte — größtes Wohl, Menschenrechte
6: universelle ethische Prinzipien — selbstgewählte Gerechtigkeitsprinzipien

Kohlberg: Stufe 6 rein hypothetisch (von niemandem erreicht); die meisten Erwachsenen argumentieren auf Stufe 4, wenige bis Stufe 5.

Kritik: Gilligan — Vernachlässigung der weiblichen Perspektive („Moral der Fürsorge“ ↔ „Moral der Gerechtigkeit“); zudem westlich geprägt (kaum kulturübergreifend).

6.4 Soziale Entwicklung · Bindung

Bindung: die vier Bindungstypen

John Bowlby (Grundlagen) & Mary Ainsworth entwickelten die Bindungstheorie. Ainsworths Fremde-Situation (Kind 12–24 Monate): zentral ist die Reaktion bei Rückkehr der Bezugsperson.

TypBezeichnungVerhalten bei Rückkehr
Aunsicher-vermeidendnach außen ruhig, sucht keinen Trost, vermeidet Gefühle (innerlich hohes Cortisol/Stress)
Bsicher gebundenweint beim Weggehen, sucht sofort Kontakt, lässt sich trösten — Vertrauen
Cunsicher-ambivalentsucht Trost, kann ihn aber nicht annehmen, nicht beruhigbar
Dunsicher-desorganisiertkonfus, „friert ein“ / aggressiv; Trauma; 1990 von Main & Solomon ergänzt

Nur Typ B = sichere Bindung; A, C, D = unsichere Bindungen. Typ A wirkt äußerlich ruhig, hat aber laut Cortisol-Messung ein sehr hohes Stressniveau.

Bindungstheorie ist kulturübergreifend bestätigt; die Bindungsperson muss nicht die Mutter sein (auch Vater, Großeltern, Bezugsbetreuer:in).

6.4 Erikson & Identität

Eriksons psychosoziale Stufen & Identität

Erik Erikson (1902–1994): jede Lebensphase bringt eine Krise; deren erfolgreiche Bewältigung ist Voraussetzung für die nächste Stufe. Reihenfolge der Krisen ist ein klassischer Prüfungsstolperstein.

AlterKrise
0–1 J.Urvertrauen vs. Misstrauen
1–3 J.Autonomie vs. Selbstzweifel
3–6 J.Initiative vs. Schuldgefühl
6 J. – PubertätKompetenz vs. Minderwertigkeit
AdoleszenzIdentität vs. Rollenkonfusion
Frühes ErwachsenenalterIntimität vs. Isolation
Mittleres ErwachsenenalterGenerativität vs. Stagnation
Hohes ErwachsenenalterIch-Integrität vs. Verzweiflung

James Marcia (Weiterentwicklung Eriksons): vier Identitätsstatus — keine Stufen, sondern Ergebnisse, definiert über Exploration & Verbindlichkeit.

  • Diffuse Identität (Diffusion): keine Auseinandersetzung, kein Selbstkonzept
  • Übernommene Identität (Foreclosure): keine Krise, Werte unhinterfragt übernommen (autoritär)
  • Kritische Identität (Moratorium): aktive Krise, hohe Exploration, niedrige Verbindlichkeit
  • Erarbeitete Identität (Achievement): Krise durchlaufen, eigenes Selbstbild erarbeitet
Übungsfragen

Übungsfragen — im Prüfungsformat

Zum Abschluss ein paar Beispielfragen im Stil der Aufnahmeprüfung.

Pro Frage vier Aussagen — entscheide bei jeder, ob sie korrekt ist. Eine Frage gilt nur als gelöst, wenn alle richtigen markiert und alle falschen nicht markiert sind.

Keine Teilpunkte, keine Minuspunkte. Viel Erfolg!

Übungsfrage 1 / 5 · Prüfungsformat

Welche EINE Zuordnung von Piaget-Stadium und typischem Marker ist korrekt?

Übungsfrage 2 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zur Theory of Mind und zur False-Belief-(Maxi-)Aufgabe sind korrekt?

Übungsfrage 3 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zu Kohlbergs Moralstufen sind korrekt?

Übungsfrage 4 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zu den Bindungstypen nach Ainsworth (Fremde-Situation) sind korrekt?

Übungsfrage 5 / 5 · Prüfungsformat

Welche Zuordnungen von Lebensphase und psychosozialer Krise nach Erikson sind korrekt?

Kapitel 6

Entwicklungspsychologie

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