Kapitel 2 · Einführung

Geschichte der Psychologie

„Die Psychologie hat eine lange Vergangenheit, doch nur eine kurze Geschichte.“
— Hermann Ebbinghaus, 1908
  • Lange Vergangenheit: jahrtausendealte Fragen über Seele, Geist & Verhalten
  • Kurze Geschichte: als eigenständige Wissenschaft erst seit ca. 150 Jahren

Roter Faden: wiederkehrende Kontroversen (z. B. Leib ↔ Seele) → verschiedene Schulen / Paradigmen → Paradigmenwechsel.

Paradigma = vorherrschendes Denkmuster: Grundannahmen + akzeptierte Methoden. Es legt fest, was als „wahr“ oder „gültig“ gilt.

2.1 Wurzeln · die Seele

Erste Vorstellungen & die Orphiker

Schon um 1000 v. Chr. denken Kulturen über die „Seele“ nach — zunächst vage, mythische Vorstellungen.

Die Orphiker (ca. 600 v. Chr., Griechenland): der Mensch = stofflicher Körper + unstoffliche Seele, getrennt → Dualismus.

  • Ein Körper besitzt genau eine Seele
  • Die Seele ist unsterblich
  • Seelenwanderung als Kreislauf von Leben & Tod
  • Eine Seele braucht nicht zwingend einen Körper

Der Körper als „Gefängnis der Seele“: Körper = unvollkommenes Diesseits, Seele = vollkommenes Jenseits.

2.1 Antike Philosophen

Platon & Aristoteles

Platon (427–347 v. Chr.): dualistisch & idealistisch — die unsterbliche, vollkommene Seele ist dem Körper übergeordnet.

  • Begehrende Seele — Unterleib (Begierden)
  • Mutige Seele — Brust (Emotionen)
  • Vernünftige Seele — Kopf (kontrolliert die anderen)

Aristoteles (384–322 v. Chr.), Schüler Platons: Körper & Seele sind untrennbar — die Seele „vervollständigt“ den Körper.

  • Vegetative Seele — Pflanzen (Ernährung, Wachstum)
  • Animalische Seele — Tiere (+ Wahrnehmung, Bewegung)
  • Denkende Seele / Geistseele — nur der Mensch (Logik)
2.1 Temperamentenlehre

Hippokrates & Galen: die Vier-Säfte-Lehre

Hippokrates (ca. 460–370 v. Chr.): die Vier-Säfte-Lehre als medizinische Erklärung von Krankheiten (Namensgeber des hippokratischen Eids).

Galen (ca. 129–199 n. Chr.) verknüpft die Säfte mit der Persönlichkeit → Temperamentenlehre.

TypDominanter SaftWesen
SanguinikerBlutfreudvoll, schnell erregbar
PhlegmatikerSchleimlangsam, ruhig, freundlich
Cholerikergelbe Galletemperamentvoll, leicht reizbar
Melancholikerschwarze Galletraurig, schwermütig

Wirkung: eine Persönlichkeitstypologie, die bis ins 20. Jahrhundert bedeutsam blieb (vgl. Kapitel 8).

2.1 Antike & Mittelalter

Römische Antike & Mittelalter

Die Römer gründen keine eigenen Schulen, tragen aber die griechischen Lehren weiter. Mit dem Christentum verschiebt sich der Fokus — von Erkenntnis zu frommem Leben.

Augustinus (354–430 n. Chr.): Körper = „äußerer Mensch“, Seele = „innerer Mensch“; die Seele ist im ganzen Körper, dem Göttlichen geöffnet und höherwertig.

Mittelalter: Forschung in Klöster- & Stiftsschulen → später Gründung der Universitäten; die Philosophie steht über allen Fächern.

Thomas von Aquin (1225–1274): Scholastik = Aristoteles + christliche Lehre; drei Seelen, die Geistseele ist von Gott und unvergänglich.

Übungsfragen

Übungsfragen — im Prüfungsformat

Zum Abschluss ein paar Beispielfragen im Stil der Aufnahmeprüfung.

Pro Frage vier Aussagen — entscheide bei jeder, ob sie korrekt ist. Eine Frage gilt nur als gelöst, wenn alle richtigen markiert und alle falschen nicht markiert sind.

Keine Teilpunkte, keine Minuspunkte. Viel Erfolg!

Übungsfrage 1 / 4 · Prüfungsformat

Welche Aussagen über die Ansichten der Orphiker zur Seele sind korrekt?

Übungsfrage 2 / 4 · Prüfungsformat

Welche der Aussagen zu Platon und Aristoteles ist/sind korrekt?

Übungsfrage 3 / 4 · Prüfungsformat

Welche Zuordnungen von Temperamenttyp und vorherrschendem Körpersaft (nach Galen) sind korrekt?

Übungsfrage 4 / 4 · Prüfungsformat

Welche der Aussagen zur römischen Antike und zum Mittelalter ist/sind korrekt?

Kapitel 2

Geschichte der Psychologie

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