Kapitel 5 · Einführung

Was ist Allgemeine Psychologie?

Teildisziplin, die untersucht, welche Prozesse & Mechanismen psychischer Vorgänge allen Menschen gemeinsam sind → universalistischer Ansatz (alle Menschen verfügen über die gleichen Funktionen).

  • Untersucht grundlegende psychische Funktionen bei gesunden erwachsenen Menschen → leitet allgemein gültige Aussagen ab
  • Abgrenzung: Differentielle Psych. (Kap. 8) = Unterschiede · Entwicklungspsych. (Kap. 6) = Veränderung über das Leben · Sozialpsych. (Kap. 7) bleibt außen vor

Vorherrschender Ansatz seit der kognitiven Wende: die Kognitive Psychologie (kognitiv = „das Denken betreffend“). Entstand als Gegenreaktion zum Behaviorismus, der kognitive Prozesse ausblendet.

Themenbereiche (Modell der Inputverarbeitung): Wahrnehmung, Aufmerksamkeit & Bewusstsein · Lernen, Gedächtnis & Wissen · Problemlösen, Denken, Entscheiden · Emotion, Motivation, Volition · Sprache.

5.2 Wahrnehmung

Wahrnehmung & ihre drei Stufen

Wahrnehmung = Prozess der Aufnahme und Verarbeitung von Reizen aus der Umwelt. Die Aufmerksamkeit bestimmt, was wahrgenommen wird, und trennt Wichtiges von Unwichtigem.

Wahrnehmung ist subjektiv: Vorwissen, Vorerfahrungen, Bewertungen, Erwartungen & Emotionen beeinflussen sie → zwei Personen können denselben Reiz unterschiedlich wahrnehmen.

StufeVorgangDisziplin
1. Sensorische EmpfindungRezeptoren nehmen Reize auf, wandeln sie in neuronale Signale umeher Biolog. Psych.
2. Wahrnehmung i. e. S.innere Repräsentation entsteht → das Perzept (mentales Abbild)Allg. Psych.
3. KlassifikationEinordnung des Abbilds in bekannte KategorienAllg. Psych.

Bottom-up = datengesteuert, vom sensorischen Reiz aufwärts · Top-down = konzeptgesteuert, durch Vorwissen & Erwartungen (z. B. „Paris in the the spring“ – das doppelte Wort wird überlesen).

5.2 Theorien der Wahrnehmung

Psychophysik & Signalentdeckungstheorie

Psychophysik (Fechner) — zwei Schwellen:

  • Absolutschwelle: kleinste Reizintensität, die nötig ist, damit ein Reiz wahrgenommen wird (Reiz wird in 50 % der Fälle entdeckt)
  • Unterschiedsschwelle: nötige Differenz, um zwei Reize zu unterscheiden — abhängig von der Intensität des Ausgangsreizes (je stärker der Reiz, desto größer der nötige Unterschied)

Messmethoden: Grenzmethode = Reiz in auf-/absteigender Intensität · Konstanzmethode = Reize in zufälliger Reihenfolge → ergibt die psychometrische Funktion.

Signalentdeckungstheorie: eine absolute Schwelle ist nicht haltbar — Reizentdeckung ist ein subjektiver Prozess aus (1) Sensitivität (vom Reiz abhängig) und (2) kognitivem Entscheidungsprozess (Motivation, Erwartung, Antworttendenz).

Reiz dargebotenKein Reiz
„Ja“ wahrgenommenTrefferFalscher Alarm
„Nein“VerpasserKorrekte Zurückweisung

Viele Treffer + wenige falsche Alarme = hohe Sensitivität. Viele falsche Alarme = Ja-Sage-Tendenz; viele Verpasser = Nein-Sage-Tendenz (Antworttendenzen).

5.2 Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit, Cueing & Selektion

Aufmerksamkeit = Filter, der vorsortiert, welche Reize relevant sind. Unaufmerksamkeitsblindheit: Simons & Chabris (1999) — beim Pässe-Zählen übersehen viele den „Gorilla“.

Endogene Aufmerksamkeit = von innen, kognitiv gesteuert (Erwartungen, Vorwissen) · Exogene Aufmerksamkeit = wird von äußeren, plötzlichen Reizen automatisch angezogen.

Cueing-Paradigma (Posner 1980): Hinweisreiz (Cue) kündigt Position des Zielreizes an; gemessen wird die Reaktionszeit. Reaktionszeit: valide < neutral < invalide. Blick bleibt fixiert (Augenbewegungen ausgeschlossen).

  • SOA (Stimulus-Onset-Asynchrony) = Intervall Cue→Zielreiz
  • Endogen: wirkt erst ab ~200 ms, hält bis ~500 ms (länger)
  • Exogen: wirkt schon ab ~50 ms, aber nur bis ~200 ms (kürzer)

Selektive Aufmerksamkeit: Cocktailparty-Effekt (selektives Hören) · dichotisches Hören (Cherry 1953 – Inhalt am unbeachteten Ohr unbekannt) · Split-Span-Paradigma (Broadbent 1954 – Selektion nach physikalischer Eigenschaft = Lokalisation/Ohr).

5.2 Visuelle Wahrnehmung

Farb-, Tiefen- & visuelle Verarbeitung

Farbe hängt von der Wellenlänge ab (Auge: ~400–700 nm); Intensität = Helligkeit, Reinheit = Sättigung.

Dreifarbentheorie (Young & v. Helmholtz): Farbwahrnehmung beruht auf drei Rezeptortypen (Zapfen) mit unterschiedlicher Empfindlichkeit. Gegenfarbentheorie (Hering): gegensätzliche Farbpaare Rot–Grün, Blau–Gelb, Schwarz–Weiß → erklärt Nachbilder in der Komplementärfarbe.

Tiefenhinweise: monokular (ein Auge): Linienperspektive, relative Größe, Verdeckung, atmosphärische Perspektive. Binokular (beide Augen): Konvergenz & Akkommodation (okulomotorisch, bis ~3 m), Querdisparation (leicht verschiedene Netzhautbilder → Raumeindruck).

Ames-Raum (1935): manipulierte Tiefenhinweise lassen eine weiter entfernte Person kleiner erscheinen.

Zwei Pfade der visuellen Verarbeitung: ventral (→ Temporallappen) = „Was“-Pfad / Vision for Perception · dorsal (→ Parietallappen) = „Wo“- bzw. „Wie“-Pfad / Vision for Action (Goodale & Milner). Beleg: doppelte Dissoziation bei Hirnschädigungen.

5.3 Lernen

Lernen & nicht-assoziatives Lernen

Lernen = durch Erfahrung entstandene, relativ überdauernde Verhaltensänderung. Es verändert die Wahrscheinlichkeit eines Verhaltens (nicht deterministisch) → Verhaltenspotenzial (Gelerntes muss sich nicht sofort in Leistung zeigen).

Abgrenzung: keine Verhaltensänderung durch Reifung/Entwicklung (z. B. Theory of Mind), Ermüdung oder Drogen.

Explizit = bewusstes Lernen · implizit = automatisch, ohne bewusste Verarbeitung. Habituation, Sensitivierung sowie klassische & operante Konditionierung gelten als implizites Lernen.

Nicht-assoziatives Lernen (keine Assoziation zwischen Reizen nötig):

  • Habituation: wiederholter, ungefährlicher Reiz wird zunehmend ignoriert (Gewöhnung) → Reaktion nimmt ab
  • Sensitivierung: wiederholter (meist schmerzhafter/erschreckender) Reiz → erhöhte Reaktionsbereitschaft
5.3 Klassische Konditionierung

Klassische Konditionierung (Pawlow)

Klassische Konditionierung (Signallernen, Pawlow): durch gemeinsames Auftreten zweier Reize entsteht eine Assoziation, sodass ein zuvor neutraler Reiz die Reaktion auslöst. Relativ passiver Prozess (Reiz–Reiz).

BegriffBedeutungBeispiel
UCS (unkond. Reiz)löst von Natur aus eine Reaktion ausFutter
UCR (unkond. Reaktion)angeborene Reaktion auf den UCSSpeichelfluss
CS (kond. Reiz)urspr. neutraler Reiz, nach Paarung mit UCSGlocke
CR (kond. Reaktion)gelernte Reaktion auf den CS alleinSpeichelfluss

Löschung (Extinktion): CS ohne UCS → CR nimmt ab. Reaktion wird nicht verlernt; Spontanremission = CR taucht später kurz wieder auf.

Reizgeneralisierung: ähnliche Reize lösen die CR ebenfalls aus (je ähnlicher, desto stärker) — Little Albert (Watson & Rayner): Furcht vor Ratte → allem Weißen mit Fell. Reizdiskrimination: gelernte unterschiedliche Reaktion auf ähnliche Reize (nur ein Reiz mit UCS gepaart).

5.3 Operante Konditionierung

Operante Konditionierung (Thorndike, Skinner)

Operante Konditionierung (Belohnungslernen): die Konsequenzen einer Handlung bestimmen, ob sie wiederholt wird (Reiz–Reaktion, S–R). Thorndike: Gesetz des Effekts (Lernen durch Versuch & Irrtum, Problemkäfig). Skinner: Skinner-Box, Operandum (Hebel), Verstärker = beobachtbar.

Verstärkung erhöht die Verhaltenswahrscheinlichkeit, Bestrafung senkt sie. Primäre Verstärker befriedigen biolog. Bedürfnisse (Nahrung); sekundäre (z. B. Geld) entstehen durch klassische Konditionierung.

Reiz hinzufügen (+)Reiz entfernen (−)
Verhalten ↑ (Verstärkung)positive Verstärkung
angenehmer Reiz dazu (Lob, gute Note, Geld)
negative Verstärkung
unangenehmer Reiz weg (von Haushalt befreit)
Verhalten ↓ (Bestrafung)positive Bestrafung
unangenehmer Reiz dazu (zusätzl. Küchendienst)
negative Bestrafung
angenehmer Reiz weg (Fernsehverbot, Hausarrest)

Wie bei der klassischen Konditionierung gibt es auch hier Löschung (Verstärkung bleibt aus), Spontanremission, Reizgeneralisierung & -diskriminierung.

Beobachtungslernen / Modelllernen (Bandura, Bobo-Doll): Lernen durch Beobachtung eines Modells — gehört zur kognitiven Psychologie, nicht zum Behaviorismus; stellvertretende Verstärkung (belohntes Modell → mehr Nachahmung).

5.4 Gedächtnis

Gedächtnisspeicher & Arbeitsgedächtnis

Gedächtnisprozess in drei Phasen: Enkodierung (Reiz → neuronaler Code) → Speicherung (Aufbewahrung) → Abruf (ins Bewusstsein zurückholen). Fehler kann auf jeder Stufe entstehen.

Speicher (Atkinson & Shiffrin 1968)DauerKapazität
Sensorischer Speicher (ikonisch/echoisch)sehr kurz, zerfälltenorm groß
Kurzzeitspeicher~30 s ohne Wiederholungbegrenzt (~7 ± 2)
Langzeitspeicherbis lebenslangsehr hoch

Nur Reize, auf die die Aufmerksamkeit gerichtet ist, gelangen vom sensorischen in den Kurzzeitspeicher. Kritik: die zentrale Stellung des KZG (alles muss durch das KZG) ist nicht haltbar.

Millersche Zahl 7 ± 2 = Kapazität; Chunking (Gruppieren z. B. 1-9-4-5 → Jahreszahl) erhöht die nutzbare Menge.

Arbeitsgedächtnis (Baddeley & Hitch 1974; Baddeley 2000), 4 Komponenten: zentrale Exekutive (Steuerung/Aufmerksamkeit, koordiniert) · phonologische Schleife (sprachlich-akustisch) · visuell-räumlicher Notizblock (visuell/räumlich) · episodischer Puffer (Schnittstelle, verknüpft mit LZG).

5.4 Langzeitgedächtnis & Effekte

Langzeitgedächtnis & Gedächtniseffekte

LangzeitgedächtnisBewusst?Inhalte
Explizit (deklarativ)bewusst abrufbarsemantisch = Faktenwissen · episodisch = persönliche Erlebnisse (Tulving)
Implizit (non-deklarativ)nicht bewusstprozedural (Fertigkeiten, z. B. Radfahren), Konditionierung, Priming

Amnesie: retrograd = Ereignisse vor der Schädigung weg · anterograd = keine neuen Inhalte mehr speicherbar. Patient H.M.: anterograde Amnesie, doch motorisches (prozedurales) Lernen blieb erhalten.

Enkodierspezifität: Abruf ist besser, wenn die Bedingungen bei Enkodierung & Abruf übereinstimmen (Kontext-/Passungseffekt; Godden & Baddeley – Lernen unter Wasser vs. am Ufer).

Serieller Positionseffekt (freie Wiedergabe): Wörter am Anfang & Ende werden besser erinnert. Primacy = Anfang (mehr Rehearsal → LZG) · Recency = Ende (noch im KZG). Recall (Wiedergabe) ist schwerer als Recognition (Wiedererkennen).

Vergessenskurve (Ebbinghaus, sinnlose Silben, Ersparnismethode): rascher Abfall in der ersten Stunde, danach langsam. Interferenz: proaktiv = Altes stört Neues · retroaktiv = Neues stört Altes.

Übungsfragen

Übungsfragen — im Prüfungsformat

Zum Abschluss ein paar Beispielfragen im Stil der Aufnahmeprüfung.

Pro Frage vier Aussagen — entscheide bei jeder, ob sie korrekt ist. Eine Frage gilt nur als gelöst, wenn alle richtigen markiert und alle falschen nicht markiert sind.

Keine Teilpunkte, keine Minuspunkte. Viel Erfolg!

Übungsfrage 1 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zur klassischen Konditionierung (Pawlowscher Hund) sind korrekt?

Übungsfrage 2 / 5 · Prüfungsformat

Ein Schüler erhält für gute Leistungen die Befreiung von einer ungeliebten Hausaufgabe und zeigt daraufhin häufiger Lernverhalten. Welche Aussage trifft auf dieses Szenario zu?

Übungsfrage 3 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zum Drei-Speicher-Modell und zum Arbeitsgedächtnis sind korrekt?

Übungsfrage 4 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zur Aufmerksamkeit und zum Cueing-Paradigma (Posner) sind korrekt?

Übungsfrage 5 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zum Langzeitgedächtnis und zu Gedächtniseffekten sind korrekt?

Kapitel 5

Allgemeine Psychologie

Interaktive Folien. Mit ▶ / Pfeiltasten (oder Klick) blätterst du Schritt für Schritt durch die Lerneinheit — inklusive Selbsttest im Prüfungsformat.