1.1 Definition

Was ist Psychologie?

Psychologie (griech. psyche = Seele/Gemüt + logos = Kunde/Wissenschaft) = wörtlich „Seelenkunde“.

Allgemein: Psychologie ist die Wissenschaft vom Erleben und Verhalten des Menschen.
Gazzaniga, Heatherton & Halpern, 2017

Dazu zählen auch kognitive Prozesse (Prozesse, die das Denken betreffen).

Kognition (lat. cognoscere = erkennen): Sammelbegriff für mentale Fähigkeiten/Prozesse, mit denen Informationen aufgenommen, verarbeitet und gespeichert werden — u. a. Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Gedächtnis, Schlussfolgern, Denken & Problemlösen.

1.2 Teildisziplinen

Teildisziplinen: Methoden-, Grundlagen- & Anwendungsfächer

Die Psychologie ist eine empirische, bereichsübergreifende Wissenschaft (Geistes-, Sozial- und v. a. Naturwissenschaften) und sowohl grundlagen- als auch anwendungsorientiert.

Drei Fächergruppen: Methodenfächer (Grundgerüst der Forschung: Ethik, Wissenschaftstheorie, Methodenlehre, Statistik), Grundlagenfächer und Anwendungsfächer.

GrundlagenfachUntersucht
Biologische Psychologiephysische Abläufe (v. a. Nervensystem), die psychischen Phänomenen zugrunde liegen
Allgemeine Psychologieallen Menschen gemeinsame Prozesse: Wahrnehmung, Denken, Lernen, Gedächtnis, Sprache, Emotion, Motivation
EntwicklungspsychologieVeränderungen psychischer Prozesse über die gesamte Lebensspanne
Sozialpsychologiesoziale Einflüsse: Wirkung der Interaktion mit anderen auf Erleben, Fühlen, Verhalten
Differentielle & PersönlichkeitspsychologieUnterschiede zwischen Personen und innerhalb einer Person; Einfluss von Genen, Umwelt, Kultur

Anwendungsfächer (Beispiele): Pädagogische Psychologie, Arbeits-, Organisations- & Wirtschaftspsychologie (AOW), Klinische Psychologie, Gesundheitspsychologie, Psychologische Diagnostik (Sonderrolle — auch als Fertigkeit ansehbar).

Die Aufteilung in Grundlagenfächer ist künstlich: es gibt Überschneidungen, ein Phänomen kann mehreren Fächern zugehören. Idealfall = Zwei-Stufen-Modell (theoretische Erkenntnisse → praktische Anwendung).

1.3 Ansätze

Die fünf Ansätze der Psychologie

Ansätze/Perspektiven = verschiedene Sichtweisen mit eigenen Theorien und teils Methoden, historisch gewachsen. Fünf im Skript:

AnsatzGrundannahmeVertreter / Begründer
PsychodynamischVerhalten wird durch innere Kräfte (Triebe) bestimmt; Lösung des Konflikts zwischen Bedürfnissen & sozialen Erfordernissen; unbewusste ProzesseSigmund Freud (Begründer)
BehavioristischVerhalten = beobachtbare Reize, Reaktionen & Konsequenzen; mentale Prozesse werden nicht berücksichtigtJohn Watson (Begründer)
Humanistischab 1950; Mensch als aktives Wesen, strebt nach positiver Entwicklung; holistisch (Mensch als Ganzes)Carl Rogers, Abraham Maslow, Charlotte Bühler
Kognitivnicht beobachtbare Vorgänge: Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Denken, Entscheiden, Erinnern; heute dominierend
Biologisch-neurowiss.psychische Phänomene → biochemische Vorgänge (Gene, Nerven-, Hormonsystem)

Werden mehrere Perspektiven zur Erklärung eines Phänomens kombiniert, spricht man von einem eklektischen Ansatz. Die Ansätze schließen sich nicht aus.

Aus den Ansätzen entstanden auch Therapieformen: Verhaltenstherapie (behavioristisch), Gesprächspsychotherapie nach Carl Rogers (humanistisch).

1.4 Ziele

Die vier Ziele der Psychologie

Die wissenschaftliche Psychologie verfolgt vier Ziele bzgl. Erleben & Verhalten — in Forschung und Praxis:

  • Beschreiben: Ist-Zustand genau & systematisch erfassen (= Daten) mittels Beobachtung, Befragung, Test, Experiment; möglichst objektiv (zwei Beobachter → gleiche Beschreibung).
  • Erklären: geht über das Beobachtbare hinaus, sucht das „warum“ via Theorien; Faktoren = dispositional (stabil, in der Person: Gene, Fähigkeiten, Persönlichkeit) vs. situativ (aus der Umwelt: andere Personen, Wetter, Situation).
  • Vorhersagen: Aussagen über die Wahrscheinlichkeit künftigen Verhaltens; muss exakt formuliert sein, um testbar/zurückweisbar zu sein (z. B. Personalauswahl).
  • Verändern: oft Hauptanliegen der Praxis (z. B. Therapie); nur zum Wohl der Person, kein Schaden — daher Behandlungsauftrag nötig.

Fokus-Beispiel: Die Persönlichkeitspsychologie betont dispositionale Faktoren, die Sozialpsychologie primär situative Faktoren.

1.5 Ethik

Die fünf ethischen Grundsätze der APA

Psycholog:innen tragen große Verantwortung. In der Forschung prüft oft eine Ethikkommission; in der Praxis ist das Machtverhältnis Psycholog:in ↔ Patient:in eine Gefahrenquelle.

Die American Psychological Association (APA) formulierte fünf ethische Grundsätze für Forschung, Praxis & Lehre:

  • Wohltätigkeit & Nicht-Schaden: Wohl aller Personen & Tiere verfolgen, Schaden verhindern/minimieren.
  • Loyalität & Verantwortung: Vertrauen & Verantwortung gegenüber Gesellschaft/Einzelnen; berufliche Standards einhalten.
  • Integrität: kein Betrug, keine Täuschung; Ehrlichkeit, Genauigkeit, Wahrhaftigkeit.
  • Gerechtigkeit: alle sollen gleichermaßen profitieren; eigene Kompetenzgrenzen & Voreingenommenheit erkennen.
  • Respekt für Rechte & Würde: Privatsphäre, Vertraulichkeit, Selbstbestimmung; Vorurteile eliminieren.
Das Milgram-Experiment (1963) verletzte den Grundsatz der Integrität (Täuschung) und dürfte heute in der ursprünglichen Form nicht mehr durchgeführt werden.
Übungsfragen

Übungsfragen — im Prüfungsformat

Zum Abschluss ein paar Beispielfragen im Stil der Aufnahmeprüfung.

Pro Frage vier Aussagen — entscheide bei jeder, ob sie korrekt ist. Eine Frage gilt nur als gelöst, wenn alle richtigen markiert und alle falschen nicht markiert sind.

Keine Teilpunkte, keine Minuspunkte. Viel Erfolg!

Übungsfrage 1 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zur Definition von Psychologie und zum Begriff Kognition sind korrekt?

Übungsfrage 2 / 5 · Prüfungsformat

Nur EINE der folgenden Zuordnungen von Teildisziplin und Untersuchungsgegenstand ist korrekt. Welche?

Übungsfrage 3 / 5 · Prüfungsformat

Welche der folgenden Aussagen zu den Ansätzen der Psychologie ist/sind korrekt?

Übungsfrage 4 / 5 · Prüfungsformat

Welche Aussagen zu den vier Zielen der Psychologie sind korrekt?

Übungsfrage 5 / 5 · Prüfungsformat

Welche der folgenden Aussagen zu den ethischen Prinzipien der Psychologie ist korrekt?

Kapitel 1

Was ist Psychologie?

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